Ein Novemberabend am Großen Arber
November 2025, Bayerischer Wald. Die Dämmerung kriecht durch die Buchen, das letzte Licht fällt in einem schmalen Streifen auf den Fels. Herbstlaub bedeckt den Boden wie ein kupferfarbener Teppich, dazwischen leuchtet das Moos in sattem Grün. Und dann steht er da – ein Luchsmännchen, mitten in seinem Revier, im warmen Schein meiner Blitze für den Bruchteil einer Sekunde festgehalten.
Genau dieses Bild hat bei den Glanzlichtern der Naturfotografie 2026 die Kategorie „The World of Mammals" gewonnen. Ich bin Kategoriesieger – und immer noch überwältigt.
Die Glanzlichter der Naturfotografie
Die Glanzlichter zählen zu den renommiertesten Naturfotowettbewerben weltweit. Seit 1999 werden hier Jahr für Jahr Bilder ausgezeichnet, die Natur nicht nur technisch brillant zeigen, sondern auch erzählerisch und mit Respekt vor dem Motiv. Rund 1.000 Fotografinnen und Fotografen aus über 30 Ländern reichen regelmäßig zehntausende Bilder ein. Der Wettbewerb wird seit 2024 von Florian und Lisa Marie Smit geführt, die ihn mit frischen Impulsen weiterentwickeln, ohne den ursprünglichen Anspruch aufzugeben: die Wertschätzung authentischer Naturfotografie. Dass mein Luchsbild es in diesem Feld auf den ersten Platz der Säugetier-Kategorie geschafft hat, bedeutet mir unglaublich viel.
Monate der Vorbereitung
Dieses Foto ist nicht an einem einzigen Abend entstanden. Es ist das Ergebnis monatelanger Vorbereitung, unzähliger Fehlversuche und einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Revier eines Luchsmännchens nahe dem Großen Arber im Bayerischen Wald. Wichtig dabei: Der Aufnahmeort liegt außerhalb des Nationalparks – in einem Gebiet, das für den Luchs mindestens genauso wichtig ist wie die Kernzone des Schutzgebiets.
Mein Setup bestand aus einer Nikon D7200 mit einem 12-24-mm-Weitwinkelobjektiv bei Blende f/8, ausgelöst über einen Bewegungssensor und ausgeleuchtet mit zwei externen Blitzen. Kamerafallenfotografie ist eine Disziplin, die wenig mit dem klassischen Bild des Naturfotografen zu tun hat, der stundenlang im Tarnzelt wartet. Hier geht es darum, einen Ort zu lesen: Wo zieht das Tier regelmäßig durch? Wie fällt das Licht? Wie positioniere ich Kamera und Blitze, damit das Bild nicht nur dokumentiert, sondern erzählt?
Ich wollte den Luchs nicht als Porträt zeigen, sondern in seinem Lebensraum – winzig zwischen Fels und Stämmen, eingebettet in die Herbstlandschaft des Bayerischen Waldes. Das Weitwinkelobjektiv war dafür die bewusste Wahl. Es zeigt die Welt des Luchses, nicht nur den Luchs selbst.
Warum dieses Bild mehr als ein Foto ist
Jedes Luchsbild aus dem Bayerischen Wald erzählt auch eine Geschichte über den Naturschutz. Die Böhmisch-Bayerisch-Österreichische Luchspopulation umfasst nach aktuellen Schätzungen nur etwa 120 bis 140 Tiere – zu wenig für eine langfristig überlebensfähige Population. Im Monitoringjahr 2024/2025 wurden in den Nationalparks Bayerischer Wald und Šumava 27 eigenständige Luchse bestätigt, darunter erfreulicherweise 22 Jungtiere. Die Zahlen klingen zunächst positiv, doch der Nationalpark allein ist bei weitem zu klein, um eine stabile Population zu tragen.
Genau das macht den Aufnahmeort meines Bildes so bedeutsam. Die allermeisten Luchse leben außerhalb der Nationalparkgrenzen, auf Flächen, die keinen besonderen Schutzstatus genießen. Dort lauern die größten Gefahren: Verkehrstod, Lebensraumzerschneidung – und vor allem illegale Tötungen. Studien des WWF und des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung zeigen, dass etwa jeder fünfte Luchs in Bayern Opfer von Wilderei wird. Luchse, die auf der Suche nach eigenen Revieren aus dem Nationalpark abwandern, verschwinden in einem regelrechten „Bermudadreieck" jenseits der Schutzgebietsgrenzen.
Wenn mein Bild bei den Glanzlichtern eine Bühne bekommt, dann soll es auch diese Geschichte erzählen. Naturfotografie ist für mich nie nur Ästhetik – sie ist ein Werkzeug, um auf den fragilen Zustand unserer Wildtiere aufmerksam zu machen.
Kamerafallen als Brücke zwischen Fotografie und Forschung
Kamerafallen sind im Luchsmonitoring das zentrale Werkzeug. Jeder Luchs hat ein individuelles Fellmuster, ähnlich einem Fingerabdruck, und kann über Fotofallenbilder identifiziert werden. Diese Methode liefert die Daten, auf denen Populationsschätzungen, Revieranalysen und Schutzkonzepte basieren. Was ich als Naturfotograf mit meinen Kamerafallen mache, ist im Kern dieselbe Technik – nur mit dem Anspruch, neben dem wissenschaftlichen Nachweis auch ein Bild zu schaffen, das Menschen emotional berührt.
Ich bin überzeugt: Der Naturschutz braucht beides. Die nüchternen Monitoringdaten, die belegen, wie bedroht eine Art ist. Und die Bilder, die Menschen dazu bringen, sich für diese Art einzusetzen. Ein Diagramm mit Populationszahlen macht nachdenklich. Ein Luchs, der in der Dämmerung durch den Herbstwald streift, macht sprachlos. Beides zusammen bewegt etwas.
Danke
Mein Dank geht an das Team der Glanzlichter, an Florian und Lisa Marie Smit, und an die Jury, die dieses Bild ausgewählt hat. Ich hoffe, dass es dem Luchs im Bayerischen Wald ein wenig mehr Aufmerksamkeit verschafft – denn diese großartige Katze hat es verdient.
Die Siegerbilder der Glanzlichter 2026 werden im Rahmen der Internationalen Naturfototage in Fürstenfeldbruck ausgestellt. Alle Informationen zum Wettbewerb findet ihr unter glanzlichter-competition.com.





