In Bera holt sich alle paar Wochen ein Leopard ein Schaf oder eine Ziege aus den Herden. Die Hirten nehmen das hin. Niemand rächt sich, und niemand verlangt, dass die Katzen verschwinden. Deswegen bin ich im April nach Rajasthan gefahren, und daraus ist eine Reportage entstanden, die jetzt auf YouTube zu sehen ist.
Die Reportage aus Bera auf YouTube ansehen.
Warum Bera
Bera liegt in den Aravalli-Hügeln im Süden Rajasthans, im Westen Indiens. Ein Schutzgebiet gibt es hier nicht. Zwischen den Granitkuppen liegen Felder, Dörfer und Weiden, und mittendrin leben Leoparden, erstaunlich viele sogar. Hingefahren bin ich wegen der Bilder. Dass mich am Ende die Hirten mehr beschäftigen würden als die Katzen, hatte ich nicht erwartet.
Vorher hatte ich einiges über Bera gelesen, und meistens klang es nach einem kleinen Wunder: Raubtier und Mensch auf engstem Raum, seit Generationen und ohne Konflikt. Vor Ort sieht so etwas oft anders aus. Hier stimmt die Geschichte weitgehend, nur hat sie andere Gründe, als ich dachte.

Tiere gehören einfach dazu
Schon auf der Fahrt nach Bera merkt man, wie wenig Aufhebens hier um Tiere gemacht wird. Pfauen laufen über die Höfe, Kühe stehen mitten auf der Kreuzung und werden einfach umfahren, auf den Tempeln sitzen Affen, als würden sie dort wohnen. Aufregen tut sich darüber keiner. In Deutschland würde bei jedem dieser Tiere erst mal jemand fragen, wer eigentlich zuständig ist.
Unterwegs waren wir zu dritt: Ingo, der schon auf einigen Reisen dabei war, Ratik und ich. In Indien nennt man Leute wie Ratik Naturalist, auf Deutsch am ehesten Naturführer. Er kennt die Gegend, die Tiere und die Familien, die hier leben, und mit ihm gingen Türen auf, die für mich allein zu geblieben wären.

Tempel gibt es hier in jeder Größe, vom prächtigen, vergoldeten Bau bis zu ein paar Steinen in einer Felsnische. Viele hinduistische Götter erscheinen in Tiergestalt oder reiten auf einem Tier, und Großkatzen haben dabei einen besonderen Rang. Auch deshalb gilt ein Leopard hier nicht als Schädling.
Leben auf dem Granit
Die Granitfelsen sind Millionen Jahre alt und für Leoparden ideal: Von oben haben sie das Tal im Blick, in den Spalten ist es auch mittags kühl, und die Jungen können herumklettern, ohne dass ihnen jemand zu nahe kommt. Wir sind meist vor sechs Uhr losgefahren, denn sobald es heiß wird, verschwinden die Tiere und tauchen erst am späten Nachmittag wieder auf.
Die erste halbe Stunde läuft immer gleich ab: Der Tracker leuchtet mit der Taschenlampe die Hänge ab und sucht nach Augen, die das Licht zurückwerfen. Wir stehen daneben und sehen graue Felsen. Irgendwann klingelt das Telefon, an einer der Kuppen tut sich etwas, und der kleine Jeep muss zeigen, was er kann.

An einem Morgen spielte das kleinere Junge direkt über uns auf dem Fels mit dem Schwanz seiner Mutter. Entdeckt habe ich die Tiere selten selbst. Ratik und unser Fahrer sehen sie oft Minuten vor mir, und manchmal finde ich sie erst, wenn mir jemand die Stelle zeigt. Ein Leopard auf Granit ist wirklich so gut getarnt, wie man sich das vorstellt.
Die Rabari
Rund um Bera leben die Rabari, ein Hirtenvolk, das seit Generationen mit Schafen und Ziegen unterwegs ist. Morgens treiben sie die Herden aus den Dörfern auf die Weiden zwischen den Hügeln, abends wieder zurück. Oben in den Felsen liegen die Leoparden, und die ernähren sich unter anderem von genau diesen Schafen und Ziegen.

Die Rabari sind hinduistisch geprägt. Holt ein Leopard ein Tier, gilt das nicht als Verlust, sondern als Gabe an Shiva, so hat man es mir dort erklärt. Shiva selbst trägt ein Leopardenfell. Das ist der älteste Grund, warum das Zusammenleben funktioniert, und der beständigste.

Einmal waren wir bei einer Familie eingeladen. Kein Interview, wir saßen einfach mit dabei. Ich fragte, was passiert, wenn ein Leopard ein Tier holt. Schulterzucken. Vor zwei Wochen erst sei das wieder passiert, das komme eben vor. Über Leoparden reden sie hier wie über das Wetter, und zwar auch untereinander, nicht nur, wenn Besuch zuhört.
Angst vor den Tieren gibt es trotzdem, nur führt sie nicht zu Vergeltung. Ratik und Shatrunjay Pratap, der in Bera aufgewachsen ist und hier die erste Lodge gegründet hat, haben mir erzählt, dass in der Gegend noch nie ein Leopard einen Menschen angegriffen hat. Für selbstverständlich hält das niemand. Und trotzdem legt sich ein Hirte mittags auf den Fels, auf dem morgens noch ein Leopard lag, und hält ein Nickerchen, während seine Ziegen um ihn herum grasen.

Der Glaube allein hätte das kaum über Generationen getragen, sagt Shatrunjay. Dazu kommt ein einfaches Versprechen: Wer ein Tier verliert, bekommt es ersetzt, und zwar schnell. Unterm Strich steht ein Hirte danach nicht schlechter da als vorher, und so gerät der Glaube gar nicht erst unter wirtschaftlichen Druck.
Das eigentliche Problem ist der Granitabbau
An einem Nachmittag kamen wir an einem Steinbruch vorbei, keine halbe Stunde von dem Felsen entfernt, auf dem morgens noch die Leopardin gelegen hatte. Frisch gesprengte Kanten, Staub, alle paar Minuten ein Lastwagen. Leoparden gibt es in der Gegend noch, aber jeder Fels, der abgetragen wird, fehlt allen Tieren, die in diesen Hügeln leben.
Dagegen steht vor allem der Tourismus. In einem Steinbruch will niemand Urlaub machen, in einer Felslandschaft mit Leoparden schon. Je mehr Leute wegen der Katzen anreisen, desto teurer wird es, die Hügel abzutragen. Verlassen kann man sich darauf allerdings am wenigsten: Es hängt an Leuten, die sich mit der Bergbau-Lobby anlegen, und daran, dass überhaupt Gäste kommen.
Warum es funktioniert

Das Zusammenleben hält, weil mehreres zusammenkommt: der Glaube, der schnelle Ersatz für gerissene Tiere und inzwischen auch der Tourismus. Fällt eins davon weg, geraten die anderen ins Wanken. Bisher ist das über Generationen gutgegangen.
Mitgenommen habe ich vor allem, wie unaufgeregt das alles abläuft. Keine Zäune, kein Monitoring. Fehlt einem Hirten ein Tier, zuckt er mit den Schultern, und das System sorgt dafür, dass es ihn nichts kostet. Wer in Bayern mal eine Debatte über Wolf oder Luchs verfolgt hat, weiß, wie weit wir davon entfernt sind.
Wieder hin
Vom 6. bis 15. November 2027 fahre ich wieder nach Bera: zehn Tage, höchstens acht Plätze, organisiert von Gaia Tales. Alle Infos zur Reise stehen auf der Website. Am meisten freue ich mich auf die Felskuppe, auf der im April die Leopardin mit ihren Jungen lag. Die steht nämlich noch.








