Mitte Oktober, ein Laubwald auf der Rusel im Bayerischen Wald, kurz vor sechs am Abend. Ich liege auf dem Bauch hinter einem Buchenblatt, das am Boden liegt, und schaue mit dem Makroobjektiv hindurch. Die Sonne steht inzwischen so tief, dass sie das Blatt von hinten trifft, und plötzlich ist das ganze Adernetz da, orange, wie eine Landkarte. Davor stehen ein paar Pilze, kaum fingerhoch, als schwarze Silhouetten. Eine halbe Stunde später ist die Sonne hinter dem Hang, und dasselbe Blatt ist wieder ein braunes Blatt.
Herbstfotografie heißt für mich, dass ich mich nach dem Licht richte und nicht nach dem Motiv. Im Oktober kommt die Sonne den ganzen Nachmittag über schräg zwischen den Stämmen durch, das Laub filtert sie gelb, solange es hängt, und leuchtet von hinten, sobald es am Boden liegt und die Sonne tief genug dahinter steht. Beides gibt es nur ein paar Wochen im Jahr. Was ich damit meine, zeige ich an vier Aufnahmen.
Herbstlaub im Gegenlicht
Das Pilzbild oben funktioniert nur unter einer Bedingung: Die Sonne muss so tief stehen, dass sie ein Blatt am Boden von hinten trifft. Im Oktober ist das am späten Nachmittag der Fall, im Sommer praktisch nie. Belichtet habe ich auf das Blatt, nicht auf die Pilze. Die wollte ich ohnehin schwarz, weil ihre Form vor dem Adernetz mehr erzählt als jedes Detail an ihren Hüten. Ein Blitz hätte das kaputtgemacht, er hätte die Pilze wieder zu Pilzen gemacht. Unterschätzt hatte ich die Zeit: Vom ersten Durchleuchten bis zum letzten hatte ich vielleicht zwanzig Minuten, weil die Sonne im Wald hinter dem nächsten Hang verschwindet und nicht am Horizont. Wer Gegenlicht im Herbstwald will, muss also vorher wissen, wo die Sonne untergeht, notfalls mit einer Sonnenstands-App, und rechtzeitig an der richtigen Stelle liegen.
Herbstfarben, wenn die Sonne schon weg ist

Ein paar Meter weiter, kurz nachdem die Sonne hinter dem Berg verschwunden war: gelbe Buchenäste vor einem dunklen Fichtenbestand. Sonne ist auf dem Bild keine mehr, der ganze Wald wird nur noch vom Himmel beleuchtet, und Himmelslicht ist blau. Die Fichten dahinter schlucken es und werden blaugrün, das Buchenlaub hält sein Gelb, und aus diesem Gegensatz besteht das Bild. Die Versuchung ist groß, den Weißabgleich in der Bearbeitung wärmer zu ziehen, damit alles herbstlicher aussieht, und dann ist der Kontrast weg und übrig bleibt ein gelbbrauner Brei. Ich lasse das Blau stehen. Im Herbst schaue ich beim Fotografieren inzwischen zuerst auf den Hintergrund und erst danach auf den Baum, der leuchtet, weil der Baum ohne den dunklen Hintergrund einfach nur ein gelber Baum ist. Und ich packe nicht ein, sobald die Sonne weg ist: Die Viertelstunde danach, in der der Wald blau wird, ist für die Farben oft die bessere.
Nach oben, solange die Sonne seitlich kommt

Mit dem Rücken auf dem Boden, Weitwinkel senkrecht nach oben in ein Kronendach aus Buchen und Ahorn. Im Oktober ist das Dach schon löchrig, die Kronen sind grün, gelb und rot durcheinander, und die Sonne trifft das Laub von der Seite, sodass die Blätter leuchten und die Stämme dunkel bleiben. Die Belichtung habe ich auf das Laub gelegt, und die Himmelslücken sind mir dabei weiß ausgefressen. Wenn ich den Himmel rette, werden die Kronen dunkel, und dann ist das Bild nichts mehr. Wichtig ist bei der Untersicht, die Kamera wirklich senkrecht zu halten, sonst laufen die Stämme nicht auf einen Punkt zu, sondern kippen schief durchs Bild.
Bodennah im letzten Licht

Ein älteres Bild, aus einem Park in Mittelfranken an einem Novembernachmittag: ein Igel auf einem moosbewachsenen Stück Totholz, drumherum das Laub, dahinter ein blauer Himmel zwischen kahlen Stämmen. Die Sonne stand so tief, dass sie das Laub am Boden von der Seite erwischt hat und es orange leuchten ließ, und der Igel bekam ein kleines Spitzlicht auf die Stacheln. Die Kamera lag auf dem Boden, anders geht das nicht, weil der Igel von oben fotografiert ein Fleck im Laub bleibt. Im November ist das Licht am Nachmittag schon nach vier Uhr weg, und danach ist die Farbe im Laub schlagartig grau. Wer dann noch weitermacht, ist bei der Wildtierfotografie bei Nacht, und die läuft nach anderen Regeln. Für Tiere am Boden ist das letzte Licht im Herbst die beste Zeit des Jahres, besser als jeder Sommerabend, weil der Boden selbst die Farbe liefert.
Wann ich im Herbst rausgehe
Aus den vier Aufnahmen ergibt sich mein Fahrplan fürs Herbstlicht. Vormittags gehe ich meistens nicht in den Wald, das Licht kommt dann noch von oben und die Farben sind stumpf. Der Nachmittag ab drei ist die Zeit für seitliches Licht und Kronendächer. Die letzte Stunde vor Sonnenuntergang gehört dem Gegenlicht und dem Boden, die Viertelstunde danach den Farben vor blauem Wald, und für beides muss ich vorher wissen, wohin die Sonne verschwindet. Bedeckte Tage sind nicht verloren, sie sind gut für die Untersicht und für Makros im Laub, nur nicht für Gegenlicht. Und wenn im Dezember der erste Frost kommt, geht es am Boden weiter, dann mit Haareis statt Pilzen.
FAQ: Herbstfotografie im Wald
Welche Tageszeit ist im Herbst am besten zum Fotografieren?
Im Wald der Nachmittag ab etwa drei Uhr bis kurz nach Sonnenuntergang. Dann kommt das Licht seitlich zwischen den Stämmen durch, in der letzten Stunde steht die Sonne tief genug für Gegenlicht durch das Laub, und danach beleuchtet nur noch der Himmel den Wald.
Wie fotografiere ich Herbstlaub im Gegenlicht?
Die Sonne muss hinter dem Blatt stehen, also tiefer als das Motiv. Belichtung auf das durchleuchtete Blatt legen, alles davor darf zur Silhouette werden. Im Wald geht die Sonne hinter dem nächsten Hang unter, nicht am Horizont; das Zeitfenster ist deshalb kurz.
Warum wirken Herbstfarben auf meinen Bildern flau?
Meist, weil der Hintergrund dieselbe Farbe hat wie das Laub oder weil der Weißabgleich zu warm gezogen wurde. Herbstfarben brauchen einen dunklen oder blauen Hintergrund, etwa einen Nadelwald kurz nach Sonnenuntergang, wenn nur noch der Himmel leuchtet.
Lohnt sich Herbstfotografie auch bei bedecktem Himmel?
Ja, für Untersichten ins Kronendach und für Makros am Boden. Für Gegenlicht und seitliches Licht braucht es Sonne.
Welche Kameraposition ist für Tiere und Pilze im Laub sinnvoll?
Auf dem Boden, auf Augenhöhe des Motivs. Von oben fotografiert verschwindet alles Kleine im Laub; von unten liefert das Laub selbst die Farbe und das Motiv steht davor.








